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„Es ist höchste Zeit zu handeln."

Bischof Bätzing würdigt das Apostolische Schreiben "Laudate Deum"
„Es ist höchste Zeit zu handeln."
„Es ist höchste Zeit zu handeln."
© pixabay.com

Das Apostolische Schreiben von Papst Franziskus "Laudate Deum - An alle Menschen guten willens über die Klimakrise" vom 4. Oktober 2023 gibt es hier zum Nachlesen.

Charakter des Apostolischen Schreibens Laudate Deum
Laudate Deum ist weniger ein Grundsatzpapier als vielmehr ein Apostolisches Schreiben mit mahnendem, die Welt aufrüttelndem Charakter. Beim Lesen wird klar: Die Lage ist ernst! Bei dieser Fortschreibung von Laudato si’ geht es dem Papst also nicht um ein neues Thema, sondern um sein Herzensanliegen, indem er die Aussagen von Laudato si’ ergänzt und konkretisiert (4). Zugleich steht Laudate Deum genauso in der Tradition von Papst Franziskus‘ zweiter Sozialenzyklika Fratelli tutti (FT), die vor drei Jahren (3. Oktober 2020) veröffentlicht wurde. Darin betont der Papst die Geschwisterlichkeit aller Menschen in einer einzigen globalen Menschheitsfamilie. Beide Enzykliken – Laudato si’ und Fratelli tutti – sind stark von der Person des heiligen Franz von Assisi inspiriert, dem Schutzpatron des Umweltschutzes, der Ökologie und der Armen. Das Herzblut, das der Papst in dieses Schreiben legt, zeigt sich somit auch im Zeitpunkt der Veröffentlichung am Festtag des heiligen Franz von Assisi, nach dem er sich benannt hat. Zudem richtet sich Laudate Deum – wie zuvor schon Laudato si’ und Fratelli tutti – nicht exklusiv an Christinnen und Christen, sondern an alle Menschen guten Willens, Verantwortung für das gemeinsame Haus wahrzunehmen.

Inhalt des Apostolischen Schreibens Laudate Deum

Im ersten Kapitel wird es mit einer klaren Analyse der globalen Klimakrise gleich konkret: Papst Franziskus benennt präzise, detailliert und kenntnisreich sowohl die menschengemachten Ursachen des Klimawandels als auch die mit der Klimaerwärmung verbundenen Folgen und Risiken (5–19). Damit macht er sehr eindringlich klar und belegt mit neuesten wissenschaftlichen Ergebnissen, wie beispielsweise aus dem Sachstandsbericht des Klimarates IPCC, was sich im Vergleich zum Jahr 2015 und zu Laudato si’ verändert hat. Papst Franziskus argumentiert aber nicht nur im naturwissenschaftlichen Sinne, sondern beleuchtet auch die soziologische Seite, wenn er sich mit dem Phänomen von „Widerstand und Verwirrung“ beschäftigt (6–10). In dieser soziologischen Analyse verweist er auf einen „Mangel an Informationen“ (8) und eine „sehr vereinfachende[] Sicht der Wirklichkeit“ (9). Komplexitätsreduktion ist ein typisches Kennzeichen des Populismus. Auch wenn Papst Franziskus es nicht so bezeichnet, beschäftigt er sich mit genau diesem Phänomen. Bestimmter als in Laudato si’ wendet sich der Papst gegen die Skeptiker des Klimawandels, die eine globale Erwärmung und deren menschengemachte Ursachen sowie ihre Folgen für das Ökosystem und die Menschheit negieren oder relativieren (6, 7). Er widerspricht überdies Behauptungen, die wachsende Weltbevölkerung sei schuld am Klimawandel (9) und weist diejenigen, die in der erforderlichen ökologischen Transformation eine Gefährdung des Wohlstandes sehen, auf die bedrohlichen Auswirkungen hin, die der Klimawandel für viele Menschen haben wird bzw. bereits heute hat (10). Diese Überlegungen münden in die Wiederholung zweier Überzeugungen, auf denen Papst Franziskus „bis zum Überdruss“ besteht.

„Alles ist miteinander verbunden“ und „Niemand rettet sich allein“ (19). Ökologische und soziale Verantwortung können nicht voneinander getrennt werden.
In Kapitel 2 schließen sich Ausführungen zum „wachsenden technokratischen Paradigma“ an, dem sich Papst Franziskus auch in der Enzyklika Laudato si’ ausführlich gewidmet hat. Charakteristisch ist seine Kritik an der Vorstellung von der Verfügbarkeit der Natur und der grenzenlosen technologischen und wirtschaftlichen Macht, die es hinsichtlich ihrer Grenzen und des ethischen Verfalls zu überdenken gilt.
In Kapitel 3 legt der Papst die Schwäche der internationalen Politik dar und die Notwendigkeit, „den Multilateralismus neu [zu] gestalten“. Dabei macht er keinen Hehl aus einer gewissen Skepsis ob des Funktionierens internationaler Organisationen und deren ausreichender Autorität zur Durchsetzung von Beschlüssen (35). Er plädiert für geeignete Reaktionen „auf ökologische, gesundheitliche, kulturelle und soziale Herausforderungen […], insbesondere um die Achtung der elementaren Menschenrechte, der sozialen Rechte und der Sorge um das gemeinsame Haus zu festigen. Es geht darum, universale und effiziente Regeln aufzustellen, die diesen weltweiten Schutz gewährleisten“ (42).

In Kapitel 4 blickt er im Besonderen auf die Klimakonferenzen seit dem ersten Weltgipfel 1992 in Rio de Janeiro und die damit verbundenen Fortschritte und Misserfolge. Bei allen Fortschritten, die der Papst erkennt, kritisiert er doch mit Nachdruck, dass unter dem Strich die beschlossenen Maßnahmen in der Vergangenheit nicht konsequent genug umgesetzt worden sind (52).
In Kapitel 5 formuliert er auf dieser Grundlage seine Erwartungen an die Klimakonferenz in Dubai Ende dieses Jahres, bei der es vor allem um eine erste globale Bestandsaufnahme gehen wird. Es wird Bilanz gezogen über den gemeinsamen Fortschritt bei der Umsetzung der Klimaschutzziele und bewertet, wie die Weltgemeinschaft klimapolitisch dasteht. Dann werden auch die Klimaziele und ihre Umsetzung neu diskutiert. Im Zentrum stehen für Papst Franziskus dabei drei Merkmale, die er für „verbindliche Formen der Energiewende“ aufzählt: „dass sie effizient sind, dass sie verpflichtend sind und dass sie leicht überwacht werden können“ (59).

Abschließend geht der Papst auf die Beweggründe aus dem Glauben ein, wonach die Erde Gott gehört und „die Gesamtheit des Universums […] den unerschöpflichen Reichtum Gottes“ (63) und seiner Liebe zeigt. Der Mensch ist in das Gesamtgefüge der Schöpfung eingebettet und eng mit allen anderen Geschöpfen verbunden. Hier schließt sich der Kreis zum namensgebenden ersten Satz des Schreibens: „Lobt Gott für all seine Geschöpfe“. Das verpflichtet zu einem achtsamen und verantwortungsvollen, vor allem aber zu einem veränderten Umgang mit der Schöpfung. Dazu bedarf es eines Wandels unseres Lebensstils, der gesellschaftlichen Überzeugungen und letzten Endes des Menschen (68, 70).

Vor diesem Hintergrund möchte ich gerne drei ausgewählte Aspekte aufgreifen und einordnen, die mir an dem Apostolischen Schreiben Laudate Deum besonders aufgefallen sind: 

1.
Schon in der Einleitung fällt der veränderte Tonfall auf. In Laudato si᾽ hatte der Papst 2015 seine „tiefe Besorgnis um den Erhalt unseres gemeinsamen Hauses“ zum Ausdruck gebracht. Aber bei aller Sorge herrschte damals doch eine große Hoffnung, dass sich die Welt endlich in einer gemeinsamen Anstrengung vereinen würde, um dem Klimawandel mit wirksamen Vereinbarungen und Maßnahmen zu begegnen. Papst Franziskus wollte damals mit seiner Enzyklika insbesondere den Verantwortlichen in Wissenschaft und Politik den Rücken stärken, die mit viel Energie an diesem Ziel arbeiteten. „Hope from the Pope“ lautete die Überschrift des Editorials der Zeitschrift Nature nach dem Erscheinen der Enzyklika. Doch acht Jahre später ist die Situation drängender. Es ist höchste Zeit zu handeln. „Aus diesem Grund können wir den enormen Schaden, den wir verursacht haben, nicht mehr aufhalten. Wir kommen bloß noch rechtzeitig, um noch dramatischere Schäden zu vermeiden“ (16). Deswegen muss jetzt und ohne Aufschub gehandelt werden – koste es, was es wolle!

2.
Den Kern der Analyse in Kapitel 2 stellt das „wachsende technokratische Paradigma“ dar, das Papst Franziskus bereits in Laudato si’ benannt hat. Dabei nimmt er Bezug auf neue Entwicklungen bezüglich der Künstlichen Intelligenz und jüngster technologischer Innovationen (21). Der entscheidende Punkt ist hier die „Ideologie, der eine Besessenheit zugrunde liegt: Die menschliche Macht über alles Vorstellbare hinaus zu steigern, für die die nicht-menschliche Wirklichkeit nur eine Ressource zu ihren Diensten ist“ (22). Es geht hier also entscheidend um die Frage der Macht, mit der ein anderer Umgang eingeübt werden muss, wenn sie nicht dauerhaft der Menschheit schaden soll. Insgesamt beklagt er eine fehlende Machtkontrolle. Dieser Vorstellung des „technokratischen Paradigmas“ entgegnet der Papst, „dass die Welt um uns herum kein Objekt der Ausbeutung, der ungezügelten Nutzung und unbegrenzter Ambitionen ist“ (25). Hier kommt ein letztlich schöpfungstheologisch begründeter Gedanke zum Ausdruck, wenn der Mensch als Teil der Natur und die Schöpfung als von Gott kommend betrachtet wird (26). In diesem Sinne ist ein funktionierendes Miteinander von Mensch und Umwelt notwendig für eine gesunde Ökologie: „Wir müssen alle gemeinsam die Frage nach der menschlichen Macht, nach ihrem Sinn und nach ihren Grenzen neu bedenken.“ (28)

3.
Mit dem Apostolischen Schreiben Laudate Deum erinnert uns Papst Franziskus unmittelbar an unser aller Pflicht zur verantwortlichen Gestaltung der Welt: Vor allem in Kapitel 6 notiert er noch einmal geistliche Beweggründe und Elemente „eine[r] neue[n] Kultur“ (71). „Gott hat uns mit allen seinen Geschöpfen verbunden.“ (66) Verantwortung für Gottes Erde bedeutet, die eigene menschliche Vernunft zu nutzen, um „Gesetze der Natur und die empfindlichen Gleichgewichte unter den Geschöpfen auf dieser Welt“ zu respektieren (62). Es ist anzuerkennen, „dass das menschliche Leben ohne andere Lebewesen nicht verstanden und nicht aufrechterhalten werden kann“ (67). In diesem Sinne gilt es, die Machtposition und das daraus resultierende Selbstverständnis des Menschen bescheidener und zugleich fruchtbarer zu definieren. Deutlich wird, dass es in dieser neuen Kultur beides braucht, das Individuelle und das Kollektive: Bemühungen des Einzelnen und zugleich große politische Entscheidungen auf nationaler und internationaler Ebene, Entwicklungen persönlicher Lebensstile und Überzeugungen in der ganzen Gesellschaft. Es geht dem Papst mithin um einen „Weg der gegenseitigen Fürsorge“ (72).

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